Perspektiven
20.02.2010
Letzte Chance für Hoesch
Einmal im Monat, meist montags, so heißt es, begibt sich Wieslaw Podraza auf die Reise von seinem polnischen Heimatort Strzelno rüber in die kleine Dürener Gemeinde Schneidhausen. Eine Woche bleibt Podraza in der Regel in Deutschland, um die Geschäfte seiner kleinen Tochter, der Hoesch Design GmbH, vor Ort zu kontrollieren. In den letzten Wochen des vergangenen Jahres dürfte Podraza besonders heikle Angelegenheiten mit seinen leitenden Angestellten zu besprechen gehabt haben. Wohl mit besten, ökonomischen Absichten angelte sich der Hoesch-Retter vor vier Jahren die in die Insolvenz gerutschte Wellness-Schmiede aus dem Landkreis Düren und rettete Hoesch gleichwohl aus der Insolvenz.
Jetzt droht Podrazas deutsche Tochter zu explodieren. Kaum eines der Acryl-Schmuckstücke, die Hoesch auf den vergangenen zwei Branchenmessen ISH 09 und ISH 07 auf den öffentlichen Präsentierteller legte, fand bislang den Weg zum Handwerker, geschweige denn in ein neues Badezimmer. Die meisten Neuheiten lassen sich völlig risikolos bestellen, witzelt man in der Branche. Es gebe sie schlicht weg noch nicht. Darunter so vielversprechende Innovationen wie eine Wanne vom Stararchitekten Daniel Libeskind, die Dampfdusche SensaMare oder die Einsteigerwanne Smartspar. Es grenzt schon an ein Wunder, was die Marke Hoesch in den vergangenen Jahren alles ausgehalten hat.
Mit 2010 eröffnet sich allerdings nun voraussichtlich die allerletzte Chance für das traditionsreiche Sanitärunternehmen. Vieles wird davon abhängen, inwieweit Podraza seinen Geldsack öffnen mag. Waldemar Jurczak, der neue Geschäftsführer der Hoesch Design GmbH, kündigte zwar für 2010 eine Produktoffensive an. Doch ohne Moos aus Polen dürfte im Falle Acrylwannen aus Düren in Deutschland wenig los sein. Und Jurczak räumt auch gleich ein, gegebenenfalls weitere Personalanpassungen vorzunehmen, falls die Situation es erfordert. Wie viel Personalschwund Hoesch allerdings noch verträgt, bleibt fraglich. Irgendjemand muss ja an den eingeforderten Gewinnen arbeiten. Denn ohne Gewinne ist spätestens 2011 Schluss, zitiert Jurczak seinen Boss aus dem Osten Europas. Heikle Zeiten für den einstigen über 100 Millionen Euro Umsatz schweren Wellness-Vorreiter. Seit drei Jahren schreibt das Unternehmen rote Zahlen. Daran haben bis jetzt auch die teuersten Designerwannen nichts geändert.
Um das zu ändern, benötigt Jurczak dringend Geld. Kein Mensch der Welt wäre wohl in der Lage, den schwer angeschlagenen Acrylwannenhersteller wieder aus der Misere zu holen ohne die entsprechenden Mittel. Immer weiter sank Hoesch in den vergangenen Jahren in den Keller. Und mit dem guten Namen auch die Erlöse. Hoesch schloss das Jahr 2009 mit einem Umsatzrückgang von knapp 26 Prozent auf 26 Millionen Euro. Selbst kurz nach der Insolvenz stand der Hersteller mit rund 45 Millionen Euro Jahresumsatz besser da als vier Jahre danach. Ein Drittel der Belegschaft, 42 Mitarbeiter, musste das Unternehmen bereits entlassen. Nicht gerade eine lustige, erste Amtshandlung für den frisch ins Amt gehobenen Geschäftsführer Jurczak. Erst seit knapp fünf Monaten steuert der Pole die Dürener.
Und es sieht alles danach aus, als ob sein interner Auftrag lautet, Hoesch weiter und enger mit der Sanplast-Gruppe (dem Mutterunternehmen von Hoesch) zu verschmelzen. Im Vokabular des 45-Jährigen tauchen jedenfalls auffällig oft Floskeln auf wie „Kapazitäten effektiver Nutzen“, „Prozessabläufe optimieren“, „Lagerbestände reduzieren“, „Sortimentsbereinigung“ oder „Lieferzeiten verkürzen“. Die Fertigung der Hoesch-Wannen soll zwar weiterhin „made in Germany“ erfolgen, das Glas aber kommt zukünftig aus Polen. Auch von einem Zentrum für Forschung und Entwicklung, das bei Sanplast gerade entsteht, möchte Jurczak bald profitieren. „Viele Partner glauben nicht mehr an uns“, erklärte der Hoesch-Geschäftsführer gegen Ende 2009. Es gäbe aber immer noch genug Kunden, die der Marke vertrauen würden.
Es grenzt schon an ein Wunder, dass trotz Insolvenz, ständiger Personalien und einer Geschäftspolitik, die sich bislang dem deutschen SHK-Markt nicht erschlossen hat, der Glaube der Branche an die Überlebenschance des Namens Hoesch immer noch ungebrochen zu seien scheint. Hätte Wieslaw Podraza seinerzeit geahnt, was für eine Zeitbombe er sich mit der Hoesch Design GmbH einhandeln würde? Vielleicht hätte der polnische Geschäftsmann damals die Finger von dem deutschen Abenteuer gelassen. Wer Podraza kennengelernt hat, weiß um die freundliche, ruhige Art des bärtigen Mannes aus der Woiwodschaft Kujawien-Pommern. In Polen hochgeschätzt, bekommt der Sanplast-Inhaber in Kreuzau jedoch keinen festen Halt auf dem rutschigen Acrylboden seiner deutschen Wannenfamilie.
Seine vermutlich einzige Chance, den guten Namen Hoesch und damit wenigstens einen Teil seines Invests zu retten, dürfte wahrscheinlich in einem kleinen, überschaubaren Luxussortiment liegen. Luxus aber war noch nie die Sache von Podraza.
(Text: Knut Maria Siebrasse)

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