Standardisierung und Massenproduktion von Solarhäusern
In welche Richtung sich der Markt für Solarhäuser mit BIPV langfristig entwickeln könnte, hat Goeffrey Thün auf dem Energy Forum vorgestellt. Thün ist Architekturprofessor an der University of Michigan und Leiter des Ontario Teams, das im Oktober 2009 das North House beim internationalen Solarhaus-Wettbewerb, dem Solar Decathlon, in Washington präsentiert hatte. Thün hat sich intensiv mit einer zukünftigen Massenproduktion und Vermarktung des Hauses beschäftigt. Er hat die Erfahrungen der japanischen Industrie bei der Produktion von vorgefertigten Solarhäusern analysiert. Einer der größten japanischen Fertighausanbieter ist die Firma Sekisui Chemical, die einen Großteil ihrer Häuser serienmäßig mit PV-Systemen und Wärmepumpe ausstattet. Zusätzlich bietet sie eine Finanzierung der Sumitomo Bank an: je stärker die Leistung der PV-Anlage, desto niedriger der Zinssatz des Darlehens.
Der Erfolg gibt den japanischen Anbietern von industriell vorgefertigten BIPV-Häusern recht: Sie können ihre Häuser mit einem Aufpreis von acht Prozent gegenüber traditionell gebauten Häusern verkaufen. Während hierzulande BIPV das Image anhaftet, dass sie zu teuer ist und daher nur einen Nischenmarkt besetzt, haben japanische Fertighausanbieter erfolgreich die höhere Qualität ihrer Häuser und deren geringere Betriebskosten kommuniziert, so dass industriell vorgefertigte Häuser mit BIPV in Japan ein entsprechendes Image genießen und sich gut verkaufen lassen. Japanische Konsumenten sind bereit, einen Aufpreis für ein industriell vorgefertigtes Haus zu zahlen, denn bei einem japanischen Fertighaus sind die Betriebskosten niedriger als bei einem traditionell gebauten Haus, erklärt Masa Noguchi vom Department of Architecture der Glascow School of Art. Denn japanische Fertighausproduzenten nutzen ihren Kostenvorteil, den sie aufgrund der Massenproduktion erzielen, nicht um den Preis ihres Produktes zu senken, sondern statten ihre Häuser serienmäßig mit PV-System, Wärmepumpe, Belüftungsanlage und wärmebrückenfreier Dämmung aus. Beispielsweise argumentiert die Firma Misawa Homes, dass der höhere Dämmstandard ihrer Fertighäuser zu Einsparungen von 32 Prozent bei den Heiz- und Kühlkosten führt. Leider berücksichtigen Bauherren und Architekten bei ihren Planungen nur selten die kumulierten Betriebskosten eines Gebäudes, die über den kompletten Lebenszyklus entstehen. Misawa Homes produziert industriell vorgefertigte Häuser nach individuellen Kundenwünschen in vollautomatischen Produktionslinien mit fortgeschrittener Robotertechnologie, erläuterte Thün in Brixen. Im Sommer reisen Thün und sein Team nach Japan, um mit der japanischen Industrie die Produktion und Vermarktung des North House inklusive BIPV zu erörtern. Würden die japanischen Fertighausproduzenten BIPV nicht serienmäßig ausstatten, sondern nur als Option anbieten, wäre der Absatz von PV-Anlagen längst nicht so groß. Eine Untersuchung des Lawrence Berkeley National Laboratory hat gezeigt, dass Kunden beim Hauskauf derartig viele Entscheidungen treffen müssen, dass sie sich im Zweifelsfalle gegen eine PV-Anlage entscheiden.
Bei der Massenproduktion von Häusern mit integrierter PV-Anlage fällt der Aufwand für Planung und Projektentwicklung weg. Fertighausproduzenten können „in eine ausgeklügelte Planung investieren, die sich über die Stückzahlen schnell amortisiert. Dadurch können die Mehrkosten stark reduziert oder sogar zu Kostenvorteilen gedreht werden", heißt es in der Studie „Gebäudeintegrierte Photovoltaik" des Österreichischen Klima- und Energiefonds vom Oktober 2009. Skaleneffekte aufgrund hoher Stückzahlen lassen sich bei PV-Anlagen von Fertighäusern in allen Bereichen erzielen: bei den Modulen, Wechselrichtern, der Montage inklusive Verkabelung und beim Planungsaufwand. Insgesamt würde laut Studie bei einer BIPV-Anlage von 4 kW in einem Fertighaus ein Preisvorteil von 16 Prozent gegenüber einer Anlage auf einem traditionell gebauten Haus bestehen.
Factbox
Autor: Andreas Karweger ist Geschäftsführer des Economic Forum LTD, London – München – Bozen, und Veranstalter des internationalen Energy Forum in Brixen, Italien.
Das 5. Energy Forum findet vom 2. bis 3. Dezember 2010 statt und steht unter dem Motto „Solar Building Skins" mit den Themen intelligente Gebäudehülle, Tageslichtnutzung und gebäudeintegrierte Photovoltaik und Solarthermie.
Die Konferenzdokumentation vom
4. Energy Forum liegt in Englisch und Italienisch vor und kann unter www.energy-forum.com bestellt werden.
(Redaktion: Andreas Karweger, Gebäudeinstallation)





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