30.06.2011
Eine Frage der Intelligenz
Langsam, aber stetig bewegt sich das Thema Barrierefreiheit raus aus der „Behindertenecke" und bekommt eine breitere Basis. Dabei helfen gesetzliche Vorgaben und engagierte Experten, deren Anliegen die Schaffung eines nachhaltigen Design „for all" ist.
Niemand hat die Garantie, sein Leben lang fit und uneingeschränkt mobil zu bleiben. Wer immer auch nur zeitweise auf eine Gehhilfe oder einen Rollstuhl angewiesen ist – oder auch mit einem Kinderwagen unterwegs ist – weiß, wie viele Schwellen einem im täglichen Leben begegnen. Im öffentlichen Raum gibt es Gesetze, die Barrierefreiheit und Zugangsmöglichkeiten regeln. Für das private Bauen und Wohnen sind ebenfalls Vorgaben vorhanden, die aber bei weitem nicht so bindend sind. Hier ist vorrausschauendes und intelligentes Planen gefragt, um für alle nachhaltig nutzbaren Wohnraum zu schaffen.
Die Zukunft im Hinterkopf
Vor allem im Neubau müssen Barrieren nicht sein. Bei Berücksichtigung einfacher Planungsgrundlagen ist man auch dreißig Jahre später noch froh und beweglich in den eigenen vier Wänden unterwegs. „Barrierefreie Planung ist unsichtbar, unspektakulär und schlicht und einfach Stand der Technik. Angesichts der wachsenden Produktvielfalt im Sanitärbereich und der technischen Ausstattungsmöglichkeiten müssen auch im Bedarfsfall keine ästhetischen Kompromisse geschlossen werden. Im Gegenteil: Barrierefreie Planung schafft Flexibilität und eröffnet neue Möglichkeiten der Lebensgestaltung", sagt Veronika Egger, Geschäftsführerin der is-design GmbH und Mitbegründerin des Vereins design for all. Wichtig dabei ist die Einbeziehung der Benutzer von Anfang an und die Rücksichtnahme auf individuelle Bedürfnisse. „Design for all unterscheidet sich von ‚behindertengerechter‘ Gestaltung dadurch, dass der Fokus auf den Nutzungsanforderungen der Menschen an ein bestimmtes Produkt liegt und nicht auf körperlichen, sensorischen oder kognitiven Einschränkungen von einzelnen Benutzergruppen", so Egger.
„Die Wohnung soll dem Leben angepasst sein, nicht umgekehrt", wünscht sich auch Hermann Mayer. Der gelernte Baumeister leitet seit 25 Jahre die Beratungsstelle für menschengerechtes Bauen am Institut für Sozialdienste (IFS) Vorarlberg und ist Mitglied des Vereins design for all. „Ich habe in meinem privaten Umfeld erlebt, was es heißt, sich als behinderter Mensch in unserer Umwelt zu bewegen." Wenn man einfache Planungsgrundsätze berücksichtigt, ist ein Leben ohne Stolperfallen für alle Menschen möglich. Voraussetzung dafür ist die positive Besetzung des Begriffs „barrierefrei". Menschengerechtes Bauen muss zum selbstverständlichen Standard werden. „Gesetzliche Regelungen sind hier hilfreich, aber nicht zwingend zielführend", meint der Experte.
Einfache Planungsgrundsätze
Mayer nennt drei zentrale Kriterien für Barrierefreiheit im Bau: die Zugänglichkeit in die Wohnung – auch in eventuelle Obergeschoße durch Aufzugsanlagen –, die Türbreite und barrierefreie Sanitärräume. Hier gibt es durch die aktuelle ÖNorm B 1600 ff nun auch klare gesetzliche Regelungen.
Eine Türdurchfahrt von 80 cm ist für Rollstuhlfahrer ausreichend, erleichtert aber auch das Durchkommen mit einem Wäschekorb. Wohnungseingangstüren sollen eine Breite von 90 cm aufweisen. Durch einen freien Wendekreis im Sanitärbereich von 1,5 Metern können sich auch ältere Menschen mit einer Gehhilfe und eine Pflegeperson gut bewegen. Die Dusche schließt im Idealfall bodengleich ab und hat ein Mindestmaß von 100 mal 100 cm. Ist nur der Einbau einer Duschtasse möglich, darf die Einstiegshöhe zwei Zentimeter nicht überschreiten. Weiters ist auf leicht verstellbare Möbel zu achten, und Haltegriffe und Klappsitze sind vorzusehen. Wird bereits im Trockenbau eine entsprechende Unterkonstruktion vorgesehen, ist eine Nachrüstung problemlos möglich.
Speziell in der Dusche ist die Gefahr des Ausrutschens groß: Auch hier kann man vorsorgen, besonders gut bei einem schwellenlosen Zugang durch die Verwendung von kleinformatigem Fliesenmaterial. Für die Sicherheit gilt: je kleiner die Fliese, desto rutschfester der Boden. Ein unterfahrbares Waschbecken und ein auch sitzend einsehbarer Spiegel komplettieren das Bad für alle. Bei den Armaturen braucht man sich nicht extra in Unkosten zu stürzen. Es genügen normale, einfach zu bedienende Modelle, die in einer für alle gut zugänglichen Höhe montiert werden. Dasselbe gilt für alle anderen Accessoires wie Seifenspender und Toilettenpapierhalter. Bei der Toilette kann ein normales Standard-WC gewählt werden. Lediglich die Möglichkeit der Adaptierung mit Griffen ist vorzusehen.

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