Ideenreiche sanitäre Trends bei der jüngsten Cersaie Bologna
22.12.2009
wasserbewegend
Text: Dr. Friedrich-Karl Läge
Die italienischen Hersteller sind nach wie vor Trendsetter bei Fliesen, Sanitärkeramik und Badausstattung. 75 Prozent der in Italien produzierten Fliesen werden exportiert. Bei der Sanitärkeramik verhält es sich ähnlich. Österreich ist mit fünf Mio. Quadratmeter aus Italien importierten Fliesen im Wert von 54 Mio. Euro eines der wichtigsten Absatzländer Italiens und auch bei Sanitärporzellan und vielen Armaturen, Duschen, Möblierung und Badaccessoires. Italiens Rolle als Vorreiter für avantgardistisches Design ist unumstritten. Erstaunlich bleibt übrigens, mit welcher Begeisterung auf der Cersaie italienische Produkte, die eine deutsche Design-plus-Auszeichnung ergattert haben, besonders herausgestellt werden als Rangabzeichen für Internationalität und Exportfähigkeit des Preisträgers. Die Cersaie mit Fliesen und Badausrüstung präsentiert sich als größte Messe ihrer Art in der Welt. Ganz ähnlich wie bei der Mode kehrt auch beim Fliesen- und Baddesign nach ca. 30 Jahren alles wieder:
what comes around, goes around. Bei der Keramik aber sorgen außerdem die technischen Fortschritte bei Produkten und Materialarten von Feinsteinzeug bis Glas, Metall und Kunststoffen, aber auch Licht und Elektronik für innovative Wiederkehr älterer Moden auf höherem technologischen Funktionsniveau. Als „Entschleuniger“ des heftigen Modewechsels in Badezimmern dient momentan der Trend zu großzügigen natursteinähnlichen, zeitlos schönen keramischen Flächen.

Rapsel
Bologna zeigt Beispiele international bekannter Innenarchitekten und Designer für komplette Badeinrichtungen aus einer Hand. Vom Whirlpool und der Wanne bis zu Waschbecken, Dusche nebst Armaturen, Schränken, Spiegeln, Beleuchtung und Accessoires. Aussteller wie Teuco und Jacuzzi haben ihr Pool-Sortiment daher konsequent in Richtung Wannen, Waschbecken, Duschen und Armaturen aus einem Guss ergänzt. Bevorzugt werden heute Einrichtungsvorschläge mit minimalistisch reduzierten Formen, geometrischem Linienspiel und luftiger Leichtigkeit. Kreissegmente lockern das oft allzu plump kubistische Ensemble belebend auf. Alle Einrichtungsgegenstände sollen modular miteinander korrespondierend konstruiert sein. Für Materialmix-Maximierung haben die italienischen Designer eine besondere Vorliebe. Sie achten aber darauf, dass alles materialgerecht wohlproportioniert und ausgewogen einander zugeordnet ist, von den naturähnlichen Feinsteinzeugflächen bis zum weißen Sanitärporzellan. Immer mehr Glas, auch bunt, wird mit ins Spiel gebracht, nicht nur für die Waschbecken, sondern auch für Tischplatten und Ablageflächen. Spiegel werden hinterleuchtet und auch mit Halogen-LED-Spots bestückt. Doch auch Edelstahl, Kupfer, Messing, verchromte Profile, für den Vorderen Orient gern auch Gold, ist als schmückendes Inventar im Badezimmer in. Die italienischen Badezimmer-Einrichter sind uns eigentlich immer wieder einen Schritt voraus, wenn es um Architektur und Design geht. Rein installationstechnisch gesehen brauchen immer mehr italienische Markenhersteller einen Vergleich mit den österreichischen und auch deutschen Sanitärproduzenten nicht unbedingt zu fürchten. Doch dann können sie kaum noch preiswerter sein als wir nördlich der Alpen.

Villeroy & Boch
Auf den ersten Blick fällt auf, wie strahlend weiß und technisch komplett ausgestattet, aber sparsamst möbliert die weiträumig wirkenden Badeinrichtungen präsentiert werden. Hansgrohe z. B. zeigt so verdoppelt die Wannenserie „Aqua Otola” der spanischen Designerin Patricia Otola. Kunsthandwerklich wirkende Leimholz-Badewannen und -Waschbecken z. B. in Nussbraun locken die Messebesucher an. Für die Badmöblierung bevorzugen italienische Hersteller neben Echtholz vor allem synthetische Materialien wie Mineralmarmor, Cristalplant und Corian. Türkis ist die Farbe des Jahres auch für Badmöbel. Stahlemail, wie Kaldewei es in Spitzenqualität verwendet, gilt in Italien als kostbare Rarität. Ganz neu nach Bologna mitgebracht hat der westfälische Hersteller seine „Conoflat”-Avantgarde-Duschtassen und die mit zarter Zeichnung gezierte Superplan-Platte (Phönix Design). Neu ist auch die geräumige Whirlwanne „Classic Duo Oval” mit ihren demontierbaren Emailpaneelen. Eine kombinierte Badewanne mit integrierter Duscheinrichtung und mit bis in Kopfhöhe reichende Ganzglasabtrennungen fällt bei Teuco ins Auge. Das Besondere dieses Modells ist eine seitliche, wasserdicht verschließbare Glastür, um vor allem alten und kranken Menschen den Ein- und Ausstieg leicht zu machen. Teuco hat in seine Acrylwannen einen modernen Linearabfluss mittig eingearbeitet. Als Set zueinanderpassend hat der Hersteller sein System-Bad (Design J. M. Motte) mit Wanne, Dusche, Becken, WC und Bidet ins Programm aufgenommen. Antonio Lupi hat ein exquisites Design für Wannen herausgebracht mit einem geschwungenen überhöhten Kopfende. Elegant wirkt der kreisrunde bodengleich installierte „Blue Moon”-Pool von Duravit, der auch mit Innenbeleuchtung zu haben ist.

Glass
Kein Badezimmer, keine Toilette ohne mindestens ein Waschbecken. Klar, dass Bidets und auch die WC-Töpfe dazu im Design geschwisterlich passend sein müssen. S.I.M.A.S. hat eiförmig gewölbte Waschbecken entworfen, die stahlstichartig und fast nostalgisch mit Schmetterlingsmustern, Linien oder Gittern verziert sind. Fast wie einen Löffel als innere Form hat Falerii seine ovalen Waschbecken gestaltet, die eingewölbt in D-förmige Außenwandungen eingearbeitet sind. Ganz konsequent werden die Beckenserien modular abgestuft in Länge und Breite sowie Form der Vorderfront als praxisgerechtes Gesamtsystem produziert. Groß im Kommen sind Einzelwaschtische vor allem für Toilettenräume im öffentlichen Bereich. Immer häufiger werden jetzt endlich wieder betont klein gehaltene Waschbecken für die inzwischen selbstverständlich gewordenen Gäste-WCs vorgestellt. Gern wird als Material hierfür bei halbkugeligen Formen buntes Glas gewählt, aber auch in „Mineralpolyester“, Edelstahl, Messing oder Kupfer lassen sich Becken mit nur 1,5 cm Wandstärke sinnvoll herstellen. Der erleuchtete Sockelzylinder des „Vision“-Modells von Rapsel wirkt transparent fast wie Japanpapier. Interessant ist, dass Hersteller wie GSG dazu übergegangen sind, die Siphons unter den Waschtischen im Design genau zu den Rechteckprofilrohren der Auslaufarmaturen zu konstruieren.

Bossini
Zu den betont leichtgewichtigen Waschbecken mit ihren mathematischen Linienführungen und ganz abgespeckten Wandungen oder Wölbungen braucht man völlig andere Wasserarmaturen als bei den nostalgisch barocken, schwergewichtigen Vorgängergenerationen. Die verspielten Billigarmaturen, Geschmacksklasse K wie Kitsch, sind erfreulich selten geworden. Geradlinig, rohrartig, winklig profiliert, schräggestellt, kubistisch, aber doch schlank, so präsentiert sich der Mainstream der Wasserausläufe von heute. Inzwischen sind Einhebelmischer fast selbstverständlich. Innerhalb kürzester Zeit hat sich letzthin ein Trend zur Installation der Wasserausläufe für das Becken nicht vom Rand aus, sondern direkt aus der Wand kommend durchgesetzt. Häufig werden Armaturen auch freistehend neben Wannen und Becken gezeigt. Der Designer Matteo Thun hat bei Fantini die „Venezia”-Armaturenserie mit Sechseckprofilrohren und -hähnen ausgestattet. Nobili baut seine extravaganten Waschtischarmaturen mit vierkantigem und würfelförmigem Drehgriff, und zwar ungefähr 20° schräggestellt. Um das Wasser im Becken möglichst weit verteilen zu können, hat Kohler seine „New-Life Form”-Zapfhähne mit drei beweglichen „Scharnieren“ in einer Ebene versehen und damit wie eine Gliederpuppe verstellbar konstruiert. Eine Neuheit für Italien ist die Dornbracht-Armaturenserie „Supernova” von Sieger Design, die mit ihren 22-karätigen Hellgold-Oberflächen eine hohe Exklusivität für sich in Anspruch nimmt – mit dem Ziel Export vornehmlich in asiatische Länder.

St Rubinetterie
Italiens Armaturenhersteller leiden unter den Billigangeboten mindestens genau so stark wie wir in Österrreich, besonders wenn es sich um Massenartikel in Großserien handelt. Dazu Hansa-Italia-Vertiebschef Hofer: „Nachdem das Mengengeschäft in Italien in der aktuellen Krise stark weggebrochen ist, haben hochwertigere und speziellere Armaturenserien von Anbietern, die auch einen zuverlässigen Service fürs Handwerk bieten, bessere Chancen, die schwierige Situation der Gegenwart durchzustehen. Hansa z. B. hat im gesamten Armaturenproduktionsprogramm nur nickelfreie Wasserführung.“
Größeres Duschvergnügen.
Nein, vom Regen in die Traufe kommt man mit der modernsten Duschtechnik und den zugehörigen Brausen von rohrdünn bis quadratmetergroß und bunt illuminierbar keineswegs. Wie vorauszusehen haben die italienischen Hersteller sich mit von Jahr zu Jahr qualitativ erhöhtem Niveau auf dieses Marktsegment gestürzt und sind fast komplett auf minimalistisch gestylte Duschpaneele übergeschwenkt, die mit komfortablen großen Kopfbrausen das Duschen zum Genuss machen. Die surfbrettähnlichen Duschpaneele, vor einigen Jahren noch modern, sind inzwischen gänzlich verschwunden. Lampen, Licht- und Farbtherapie, dazupassender Duft, Musik, ja sogar Fernsehen oder Telefon, Grundflächengröße, Zahl der eingebauten Sitzplätze und Regale machen den Unterschied aus. Im Zuge des minimalistischen Trends wird derzeit überwiegend die Grundausstattung der Duschen mit rohrförmigen Brausearmaturen, schlank wie eine Zahnbürste, versehen. Vertikale Sprühwände mit bis zu 500 Wasserstrahlen in Reih und Glied geordnet sind der Renner der Saison, aber noch nicht bei jedem Brausenspezialisten zu haben. Vorreiter ist neben Hansgrohe und Hansa in Italien vor allem Fantini mit seiner „Belvedere”-Sprühwand (Design: F. Sargiani). Roca zeigt Duschpaneele mit Kopf- und Rückenbrausen mit praktischen Ablagen und Bedienknöpfen, an denen die genauen Wassertemperaturangaben gut ablesbar sind. Die Roca-Serie „Neos Wasserdesign” wurde mit dem deutschen Design-plus-Preis ausgezeichnet. Als Messegag sind Brauseköpfe, die tropfenförmig von der Decke herabbaumeln, bei verschiedenen kleinen Herstellern zu sehen, z.B. bei IB Rubinetterie.

Nova Bell
Sicher, die konjunkturelle Krise der Jahre 2008/09 wird auch 2010 noch lange nicht vergessen sein. Wenn aber der Wohlstand breiter Käuferschichten wieder zunimmt, dürfte der Badbereich wohl überproportional davon profitieren. Wer möchte schon aufhören, von einem Traumbad zu träumen? Also: Gespannt sein auf die nächste Cersaie Bologna vom 28. September bis 2. Oktober 2010.
www.cersaie.it

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